Meine Faszination für den Jakobsweg..

Kennt ihr Hape Kerkeling? Ich auch. Kennt ihr sein Buch oder zumindest die Verfilmung davon? Ich auch. Ist er meine Motivation? Nein. 


Meine Jakobsmuschel.. Ich habe zwei.. Die andere hat meine Familie.. 


Mit ungefähr 12 Jahren hatte ich meine Firmung. Im Firmunterricht erzählte uns der Pfarrer vom Jakobsweg. Das sei ein besonderer Weg. Ein Weg, den man geht, wenn man mit Gott Gespräche führen und sich selber nahe kommen möchte. Was das genau bedeutet, war mir damals nicht wirklich klar. Unser Pfarrer erzählte von der Jakobsmuschel und dass sie den Wegweiser für den Pilgerweg nach Santiago de Compostela symbolisiere. Ich war zwar fasziniert, konnte mir jedoch nur wenig darunter vorstellen. Pilgern, Busse tun, mit Vergangenem abschliessen, Sorgen auf dem Weg lassen und Freude und Glück erleben. Klingt schön, aber wieso dazu so lange wandern? 

 

Anfang 20 liess ich nicht nur endgültig meine Pubertät sondern auch die Höhen und Tiefen dieser hinter mir. Ich startete in ein Leben voller Überraschungen und ich durfte so viele Dinge erleben. Ich hatte einige Ziele und verfolgte sie. Auch in die Armee ging ich. Und dort kam ich wieder mit dem Jakobsweg in Berührung, zumindest mit Worten. Denn auf einem Marsch sagte ein Kamerad zum Spass, dass er nicht in die Armee gekommen sei, um den Jakobsweg zu gehen. 

So war der Jakobsweg wieder in meinem Kopf. Ich suchte am Wochenende im Internet nach ihm und fand Etappenpläne und einige Tagebücher. Doch was mir fehlte war die Zeit. Die Zeit zu pilgern. Und doch benötigte ich diese Pilgerreise. Ich wusste, ich muss sie machen, die Reise über den Camino Frances, den bekanntesten Teil des Jakobsweges. 813 Kilometer durch Spanien. Auch ich möchte mit Vergangenem abschliessen, Glück und Freude finden. Ich möchte Pilgern. 

 

Als mein bester Freund im Juli 2013 beschloss, sein Leben nicht mehr weiterzuführen, war ich an einem sehr schweren Punkt in meinem Leben. Ich habe einen wichtigen Lebensbegleiter verloren. Ich war tief in meiner Trauer und fand nur schwer aus ihr raus. Ich suchte nach Möglichkeiten, den Schmerz zu überwinden. Und ich stiess erneut auf den Jakobsweg. Doch erst vor wenigen Wochen hatte ich die neue Stelle als Zeitmilitär begonnen und an Ferien war gar nicht zu denken. So musste der Weg erneut warten.

 

Im Frühling 2014 ging mein befristeter Vertrag bei der Armee zu Ende und ich fand eine neue Anstellung im Zivilen. Eine grosse Pause konnte ich mir nicht leisten. Es war schon so schwer genug, nach der Armee eine Stelle zu finden, da ich zu lange weg war aus der Privatwirtschaft, wie es oft hiess bei Bewerbungsabsagen. 

Doch an einem Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, was ich in meinem Leben abgesehen vom Beruflichen noch erreichen möchte. Meine Antwort überraschte sogar mich selbst. Ohne zu überlegen sagte ich: Ich werde den Camino Frances gehen. 

Der Startschuss für meine gedankliche Planung war gefallen. Ich besorgte mir das Buch von Hape Kerkeling "Ich bin dann mal weg" und verschlang ist in nur einem Tag. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt zwar, was Hape Kerkeling erlebt hatte, doch dass ich es ihm zwei Jahre später gleich tun werde, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar. Denn das Zeitproblem war nach wie vor da. 

 

Als ich dann meine berufliche Traumstelle bekam und dort arbeiten durfte, war der Jakobsweg wieder in den Hintergrund gerückt. Im März 2015 erlebte ich einen erneuten Tiefschlag und das Erste, was ich machen wollte war: Weg ! Ich muss hier weg! 

Doch auch da war das bekannte Problem: Die Zeit. Aber dieses Mal war etwas anders. Ich begann ernsthaft zu planen. Ich plante während eines Nachtdienstes meinen Jakobsweg. Mein Traum bekam Hände und Füsse. Er nahm Formen an. Ich rechnete aus, wie viele Tage ich für den Camino Frances benötigen würde und setzte mir ein Ziel. Im Jahr 2016 werde ich auf den Camino de Santiago gehen. Es stand fest. Und so fing ich an zu trainieren. Ich unternahm längere Wanderungen mit Freunden. Doch wieso ich das tat, sagte ich niemandem. Ich wollte einfach für mich selbst Freundschaft mit diesem Traum schliessen und ihn planen. So oft kam er in meine Gedanken, doch nie klappte es. Ich verriet meine Pläne erst, wenn ich mir sicher war. Auch meine Eltern wussten nichts. 

 

Und so waren sie dann auch ziemlich überrascht, als ich im Dezember 2015 meine Pilgerpläne offenbarte. Doch zu meinem Erstaunen waren sie sofort dabei und versprachen mir, mich zu unterstützen wo es nur ging. Ich war überglücklich als sie mir dann zum Geburtstag im Januar 2016 die Flüge schenkten. Auch meine Studienverantwortliche war total begeistert von meinem Vorhaben und ich konnte beinah die gesamten Ferien für ein ganzes Jahr auf einmal nehmen und so kamen vier Wochen zusammen. In vier Wochen soll der Camino Frances zwar anstrengend aber machbar sein laut Erfahrungsberichten. Ich trainierte an meiner Kondition und wanderte zwei Mal längere Strecken mit Sack und Pack in der Schweiz. Berge haben wir ja genug. 

 

Mein Umfeld liess ich nach wie vor im Glauben, dass ich einfach auf eine längere Reise gehen würde. Sagte jedoch nur wenigen, wohin es wirklich ging. Ich beschloss nämlich, den Pilgerweg ohne Handy, ohne Internet, ohne Kontakt zu Freunden und Bekannten zu erleben. 

 

Es war inzwischen März 2016, als ich den Pilgerpass und die Jakobsmuscheln in den Händen hielt. Ich war stolz und unglaublich nervös, als ich die eine Muschel meinen Eltern überreichte. Denn eine Tradition (von Vielen) besagt, dass eine Jakobsmuschel am Rucksack des Pilgers und die andere bei der Familie Zuhause sein soll. Und wenn man zurück kehrt, tauscht man diese. So ist die Familie durch die "mitgepilgerte" Jakobsmuschel geschützt. 

 

Dann brach der Juni 2016 an und meine Ferien rückten näher und näher. Die letzten Besorgungen wurden gemacht, alles 100 Mal kontrolliert mit der Packliste, noch einmal meine wichtigsten Menschen getroffen und auch das letzte Mal Pouletflügeli habe ich gegessen. 

 

Die Zeit war nun gekommen.. Es war der 16. Juni 2016, der Abend vor meiner Abreise. Noch ein letztes Mal benutzte ich Whats app und stöberte durch YouTube. Schon komisch, da "verabschiedet" man sich tatsächlich vom Internet. Eigentlich sehr idiotisch. Aber ich habe es getan. Denn am nächsten Morgen um 05:00 kamen meine Eltern mich abholen, um zum Flughafen zu fahren und ich stellte das Handy definitiv für vier ganze Wochen ab. 

 

Wie die Hinreise verlief und was ich erlebt habe, erzähle ich euch im nächsten Blogbeitrag.

 

Eure Simii