Betanzos - Bruma 27.7 km

Donnerstag, 15. Juni 2017


Was für ein Tag, Leute! Heute pilgerte ich um ein Bett in der einzigen Pilgerherberge in Bruma. Der Aufstieg ganz zum Schluss hatte es in sich. Doch Verglichen mit dem O Cebreiro war es ein Klacks.

Heute morgen wachte ich plötzlich auf. Es war laut.. einfach nur laut. Plastiksäcke raschelten, Schlafsäcke wurden zusammengerollt, Schuhe angezogen und mit Stampfen vom Dreck befreit. Ich ging davon aus, dass es 06:00 war. Leute, ich sah auf die Uhr.. es war verdammt nochmal 04:41!!!!! 


Ich drehte mich zur Seite und hffte, nach wenigen Minuten würde der Lärm aufhören. Leider nein.. Nun hatte sich auch Christoph dazu entschieden, dem Club der lauten Pilger beizutreten und raschelte munter mit. Nachdem dann auch Katrin unser Stockbett verliess und ich dann Seegang genoss, blieb mir nichts anderes übrig, als tatsächlich um 04:55 meinem Schlafsack tschüss zu sagen. Ich packte also so leise wie nut möglich mein Hab und Gut zusammen und schlich aus dem inzwischen beinah leeren Schlafsaal. Draussen stiess ich auf Katrin, welche sich ebenfalls aus nervlichen Gründen aus dem Staub gemacht hatte. Nach meinem Toilettengang sprach mich dann eine junge Frau auf Deutsch an: Bist du Schweizerin?

Ich: ja, wieso?

Sie: hast du Videos auf YouTube vom Camino?

Ich: Ehm, ja..

Sie: ich habe deine Videos gesehen!

Ich: ah ok, cool

Sie machte mir dann noch ein Kompliment und verabschiedete sich dann später noch von uns, wünschte einen Buen Camino und weg war sie.


Was für ein Zufall! Da ist man auf dem Camino und trifft eine Zuschauerin von den Caminovideos. Ich traf sie dann am Etappenziel wieder. Deswegen später erst mehr dazu.


Mit Christoph teilte ich eine Zitrone für unsere Wasserflaschen und wir brachen um 06:00 gemeinsam auf. Kein Cafe, das geöffnet hatte. So pilgerten wir nach Muscheln oder gelben Pfeilen suchend los. Denn der Weg aus Betozas ist ziemlich schlecht gekennzeichnet und so fanden wir schlussendlich nur dank dem Outdoorführer von Katrin raus. 


Da ich gerne alleine pilgere, veranschiedete ich mich weng später von den beiden und liess sie schon mal vor gehen. 

Der Weg führte mich durch märchenhafte Wälder und Dörfchen. Ich genoss den Sonnenaufgang und die Stimmung auf dem Camino. Die ersten 11 Kilometer bis zu einem kleinen Cafe vergingen wie im Flug. Da ich nur einen Apfel gegessen hatte unterwegs, beschloss ich, ein Stück Kuchen und eine Cola zu mir zu nehmen. Einige Pilger trafen ein. Und langsam füllte sich das Cafe.


Da das Etappenziel nur eine Pilgerherberge mit gerade mal 22 Betten hat, nahm ich sehr bald den Weg wieder unter meine Füsse und tauchte wieder in meine Gedanken ein. Ich liebe es, einfach den Gedanken freien Lauf zu lassen. Und da es mir aktuell sehr gut geht und ich keine persönlichen Probleme mit auf den Weg genommen habe, konnte ich auch ohne Angst vor unangenehmen Gedanken einfach loslassen und mich dem Alltag entziehen. 


Ich dachte an meine zwei Jahre dauernde Weltreise, welche im Jahr 2019 beginnen wird, malte mir aus, wo ich überall hin gehen könnte. Mein bester Freund Pascal wird mich während 2 Monaten durch Neuseeland und Australien begleiten. Darauf freue ich mich schon jetzt! Pascal: das war die bisher beste Idee, welche du jemals hattest. 


Ich dachte an meine Nichte, welche dann schwups 2 Jahre älter sein wird, bei meiner Rückkehr. An meine Schwester, welche nur schon bei Verkündung meines Vorhabens Tränen in den Augen hatte. Ich wurde ein wenig emotional und so löste ich mich schnell von diesen Gedanken und begab mich gedanklich nach Santiago de Compostela, wo ich übermorgen sein werde. Mit Katrin werde ich am Sonntag aufbrechen in Richtung Fisterra. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir am Mittwoch, 21. Juni 2017 am Ende der Welt stehen. Ich freue mich darauf.. Vor allem, weil ich diesmal zu Fuss da hin gepilgert bin. 


Ich wurde aus meiner Gedankenwelt gerissen, als der Weg plötzlich steil nach oben verlief. Die letzten 15 Kilometer hatten es in sich. Sehr steil, steinig und begleitet von keuchenden Pilgern führte mich der Camino nach oben auf die Krete. Überraschenderweise kamen genau im steilen Hang meine Kräfte zum Vorschein. Ich stellte meinen Körper nun auf die Probe. Ich scheuchte meine Beine in einem regelmässigen Tempo an ungefähr 12 Pilgern vorbei und mit dem Gedanken daran, dass ich einfach ein 6€ Bett will, pilgerte ich sehr schnellen und energiegeladenen Schrittes nach Bruma. Oben angekommen traf ich auf eine Schlange, welche ich fotografieren wollte, doch dann war sie weggeschlängelt. Erschrecken konnte ich mich nicht. Ich war zu erschöpft. 


Hinter mir pilgerte ein Vater mit seiner Tochter. Ich versuche schon seit Monaten meinem Papi immer wieder zu verstehen zu geben, dass er das nächste Mal mit mir mitkommen muss. Getrennt pilgern, aber das Leben auf dem Camino gemeinsam geniessen. Ein Papi-Tochter-Erlebnis der besonderen Art. Neidisch und doch glücklich für die beiden erreichte ich die Pilgerherberge und ergatterte Bett Nr 13 von 22! Juhuu!


Katrin und Christoph hatten mir bereits ein Bett neben sich reserviert. Ich habe jetzt zwar eine Steckdose, aber kein WLan! Tja. Macht nichts. 


Nach dem Duschen traf ich wieder auf die Zuschauerin meiner Caminovideos. Sie entschuldigte sich für ihre schlechte Laune am Morgen und setzte zu einem der grössten Komplimente, das ich je erhalten habe, seit ich YouTuberin bin, an:

Sie: du hast mir einige Stunden meines Lebens verschönert, danke.. es war so schön, mit dir den Camino zu erleben. Dass ich dich jetzt hier zufällig treffe, macht mich sehr glücklich.


Emotional wie ich bin, kamen mir die Tränen. Ich freute mich so! Zusammen mit ihr, Christoph und Katrin ging ich ins einzige Restaurant in Bruma essen. Meine Lieblingssuppe Caldo Calegga, Thunfisch-Teigwaren-Salat und Hühnchen mit Kartoffeln. Ich hätte platzen können am Schluss. Zum Dessert gabs noch ein Caramelköpfli. Bezahlt habe ich schlussendlich 13€.. Was für ein Festmahl für diesen Preis.


Nachdem ich einer Kugel gleichend zur Herberge zurück gerollte war, machten wir drei es uns in der Sonne gemütlich auf der Wiese. Ich fragte Christoph, welcher Yoga regelmässig macht, ob ich mit ihm ein wenig mitmachen dürfte. Mit Freude zeigte er mir ein paar Übungen und es tat wirklich gut. Entspannt und glücklich über die geschaffte Etappe legte ich mich danach auf den vom Hospitalero geliehenen Karton und fing diesen Blogpost an. Bald kam der fahrende Supermercado vorbei und ich kaufte neben Wasser auch mein morgiges Frühstück - Magdalenas.. ich kann sie eigentlich nicht mehr sehen, geschweige denn essen, doch sie sind günstig und geben was her. 


Ich wollte dann ein wenig Bruma erkunden, doch schaffte ich es gerade mal bis in den Schlafsaal, legte mich in meinen Schlafsack, las in meinem Buch und fiel wenig später in einen tiefen Schlaf. Keine Ahnung wie lange ich geschlafen hatte, als ich aufwachte und Katrin und Christoph vor mir standen. Sie wollten essen gehen. Essen? Schon wieder??? Ich zog schlafen vor und blieb liegen.

Doch nach wenigen Minuten schrieb ich am Blogpost weiter und begab mich dann doch noch ins Restaurant, da es nur hier Wifi gibt. So sitze ich nun hier mit Katrin und Christoph und trinke meine Cola. 


Morgen gehts über 24.3 Km nach Sigüeiro. Mehrheitlich nach unten, was ich hoffentlich mit meinen Knien gut überstehen werde.


Ich wünsche euch eine gute Nacht und bis morgen!