Heute habe ich die Etappe von Uterga nach Puente la Reina genossen. Es wären knapp 7km gewesen, also in 90 Minuten machbar, doch ich wollte unbedingt den 3km langen Umweg zur Kapelle in Eunate machen. Es soll ein mystischer und für Pilger ein sehr energiespendender Ort sein. So kam ich dann auch sehr schnell voran, denn ich freute mich auf die Erfahrung, dort zu sein. 


Nach der Ortschaft Muruzabal konnte ich schon bald in der Entfernung die Kapelle sehen. Und wirklich. Sie sah geheimnisvoll und wahrlich mystisch aus. Es war neblig und verlieh der Stimmung zusätzlich eine gewisse Note. Ich pilgerte über die offenen Felder und stand bald vor der eindrücklichen Kapelle. Ich war alleine und bestaunte die Mauern. Leider war alles geschlossen. Auch den Zugang zum Stempel hatte ich nicht. Schade. Doch ich lief, wie es gesagt wird, um die Kapelle um so Kraft für meine weitere Pilgerschaft zu tanken. Ich wusste nicht genau, was ich fühlen sollte und achtete auf jede noch so kleine mentale Regung. Doch was passierte? Richtig - nichts.

Etwas enttäuscht wanderte ich davon. Auf dem Feldweg drehte ich mich nochmals um und knipste ein letztes Bild von der Kapelle. Auf einer kleinen Krete genoss ich den Ausblick über die Felder und ich hatte das Bedürfnis einen mitgetragenen Stein beim nächsten Wegweiser des Caminos niederzulegen. Dies tat ich dann auch. (Steine niederlegen bedeutet für jeden Pilger etwas anderes. Viele benutzen dies jedoch um sich von Sünden, schlechten Gedanken oder Lasten zu befreien. Man hebt auf dem Weg einen kleinen Stein vom Boden auf, trägt ihn solange mit sich, bis man das Gefühl hat, ihn niederlegen zu wollen. Ist dieses Empfinden dann da, so legt man den Stein und die damit verbundenen Gedanken nieder. Meistens bei einem Steinwegweiser des Caminos)

Ich pilgerte weiter und ich verspürte eine unglaubliche Leichtigkeit im Gehen und schon kurz nach Mittag stand ich in Puente la Reina. Ich überlegte kurz, ob ich noch weiter laufen soll. Doch da meldete sich die Vernunft und ich entschied mich dagegen. Ich wollte nichts überstürzen, denn morgen werde ich wieder meine gewohnten 20 - 24km machen. Um die Wartezeit bis um 14:00 zu überbrücken, ging ich einkaufen. Ich besorgte mich Fleisch, Käse und Brot. Und inzwischen habe ich auch einen weiteren Luxus im Rucksack: Mayonnaise. Was für eine tolle Sache. Damit schmeckt jedes Sandwich noch viel besser. Also setzte ich mich vor die kirchliche Herberge (die einzig geöffnete in Puente la Reina) und ass mein Sandwich. 

Pünktlich um 14:00 kam der Hospitalero und nahm mich in Empfang. Er erklärte mir, dass die Duschen etwas speziell funktionieren würden füe die erste Person. Man müsse zuerst das heisse Wasser "ankurbeln". D.h. zuerst musste ich alle drei Lavabos fünf Minuten laufen lassen, um dann in der Dusche kein kaltes Wasser zu haben. Es funktionierte super. Was mich jedoch nach der letzten Nacht am meisten freute: die Heizung im Schlafraum. Ich bezog das hinterste Bett direkt bei der Heizung. Mehr Luxus geht wohl nicht. Ich war und bin glücklich. 

Von Links: Spanier, John und ich
Von Links: Spanier, John und ich

Doch die grösste Überraschung kommt erst noch. Habe ich die letzten Tage kaum Pilger gesehen, so trafen nun im Minutentakt erschöpfte Menschen in der Herberge ein. Ich staunte nicht schlecht und freute mich über die verschiedenen Leute und vor allem Kulturen. Von überall her kommen sie. Aus Lettland, Spanien, Frankreich, Australien, Amerika und natürlich aus Korea. Der Franzose war überglücklich, als er feststellte, dass ich französisch verstand. Wir verbrachten den Abend zusammen und tauschten uns über alles mögliche aus. Es tat gut, mal wieder unter anderen Pilgern zu sein. 


Später besichtigten John (Der Franzose), die Australierin und Robert (der Amerikaner) und ich die Santiago Kirche und gingen unser Abendessen einkaufen. Die Stimmung war super und wie es sich gehört, Pilger freunden sich schnell an. Denn auch Carles aus Lettland und ich verstanden uns auf Anhieb und lachten über lustige Pilgererlebnisse von früheren Reisen.


Der Spanier, dessen Name ich mal wieder nicht mehr weiss, brachte mir weitere spanische Wörter bei und irgendwann fing der eine Koreaner auf seiner Gitarre an zu spielen und sang laut. Es war eine unglaublich tolle Stimmung und ich hielt kurz inne und musste mir einfach erneut sagen: Simone, du bist auf dem Camino Zuhause. Noch vier Wochen darf ich das erleben. Danke Camino.


Ich habe keine Ahnung wo die alle plötzlich herkamen, doch es sind nun gesamthaft ca 15 Pilger hier in der Herberge. Junge und Alte. Eine tolle Mischung. Ich freue mich auf die nächsten Tage. Obwohl John, der Spanier und ich uns dazu entschieden haben, morgen nicht nach Estella sondern einen Kilometer weiter nach Ayegui zur Sportherberge zu pilgern. Eine Nacht Pause vom lauten Rummel. Danach geht es in Los Arcos wieder weiter mit dem bunten Treiben. Doch irgendwann war es einfach ein wenig zu viel für uns und wir lagen zu dritt in unseren Betten und sagten nichts. John hörte Musik, der Spanier las in seinem Buch und ich studierte die morgige Etappe.  

So Leute, ich bin müde und freue mich bereits auf morgen. Bis zum nächsten Mal und Buen Camino.


Erkenntnis des Tages:

Auch im Winter hat es viele Pilger.