Carles, Olivier und ich schliefen tatsächlich bis um 09:00. Nach einem sehr ausgedehnten Frühstück im Cafe der Herberge begaben wir uns dann gegen 11:00 endlich mal auf den Weg. 


Das Wetter lud nicht gerade zum fröhlichen Camino-Tag ein. Es regnete. Ich packte mich gut und regentauglich ein und spazierte los. Meine Motivation liess sich jedoch einfach nicht blicken. Ich fluchte innerlich vor mich hin und das aller erste Mal überhaupt auf einem Camino kam der innere Schweinehund so stark raus, dass ich an meiner Liebe zum Jakobsweg zweifelte. Vor allem stellte ich den Sinn des Pilgerns in Frage. 



In der Hälfte und bald mal nervlich am Ende stiess ich auf den total relaxten Olivier. Er pilgerte gemütlich durch den Regen. Ich schoss förmlich an ihm vorbei, denn ich wusste, dass bald eine offene Bar kommen würde. 


Dort bestellte ich mir einen Tee und als dann auch Olivier da war, fragte er nach meinem Befinden. Ich schnauzte ihn an und liess ihn wissen, dass das Pilgern doch ein Scheiss sei und das echt die dümmste Idee ever war, mich auf diesen Wegen zu bewegen. Ich erklärte ihm, dass es mir ein Rätsel sei, wieso ich bisher so aufs Pilgern abgefahren sei. Ich sagte ihm, ich sei kurz davor, ein Taxi zu nehmen, nach Portomarin zu fahren und dann morgen mit dem Bus nach Santiago zu reisen.


Dann stand Olivier von seinem Barhocker auf und schaute mich an: "Bist du eigentlich wahnsinnig? Du bist ein verdammter Offizier und hast schon so viele Pilgerreisen gemacht! Du brichst das jetzt sicher nicht ab! Jetzt pack deinen Rucksack und lauf weiter!" Ich wurde so sauer auf ihn, dass ich mein Hab und Gut nahm und ihm davon lief. 

Nach kurzer Zeit stand ich dann vor dem 100km Stein. Noch 100km bis nach Santiago de Compostela. Meine Wut auf Olivier verwandelte sich schlagartig in Dankbarkeit. Ohne ihn wäre ich wohl mit einem Taxi nach Portomarin gefahren und hätte es dann sicher bereut. 


Etwas gelöster, aber immer noch demotiviert, wanderte ich weiter. Die letzten 7km kamen mir vor wie 20km. Es regnete wieder und auch der Wind machte noch Radau. 

Nach dem steilen Abstieg stand ich dann endlich vor der grossen Brücke nach Portomarin. Die ewige Treppe am anderen Ende der Brücke gab mir noch einen oben drauf. Ich stampfte förmlich Stufe für Stufe hoch und die lauwarme Dusche in der Herberge gab mir dann noch den Rest. Sehr toll. 


Ich habe mich inzwischen auch ziemlich erkältet und fühlte mich schlapp und ausgelaugt. Nach dem Besuch im Supermarkt und essen mit Carles legte ich mich ins Bett, wo ich bis jetzt um 22:00 bin. 


Erkenntnis des Tages:

Auch beu mir taucht mal der innere Schweinehund auf.