Amelia, die Hospitalera der Herberge Vieira in San Martin del Camino
Amelia, die Hospitalera der Herberge Vieira in San Martin del Camino

Nach einer Nacht wie Zuhause sass ich ausgeschlafen und glücklich am Frühstückstisch. Amelia küsste mich auf die Wange und stellte frischen Toast hin. Sie freute sich nach wie vor über meine Anwesenheit und ich musste ihr versprechen, dass ich im nächsten Jahr wieder kommen werde. 


Nach dem Frühstück wartete Carles, bis ich im Bus war. Denn er hatte Angst, dass ich dann doch noch laufen werde und meine Fersen schlimmer werden würden und ich dann aufgeben muss und er dann ohne mich wäre. Ich nahn brav den Bus nach Astorga.

In Astorga marschierte ich auf direktem Weg zum Outdoorshop auf der Praza mit dem grossen Rucksack vor dem Geschäft. Dort spazierte ich wie selbstverständlich die Treppe runter und sagte auf Schweizerdeutsch: "So, hoi Rolf! Wie hesches?"


Rolf schaute auf und sprang auf. Er lief zu mir und zerdrückte mich beinahe. Er freute sich riesig, ich hatte ihm nämlich nichts gesagt. Rolf traf ich auf meinem letzten Wintercamino vor einem Jahr. 


Er erzählte mir, dass er erst vor drei Tagen wieder zurück nach Spanien gekommen sei. Er sei vorher in der Schweiz gewesen während einigen Wochen. Was für ein Timing. Wir plauderten über die Schweiz und den Camino.


Ich erkundigte mich dann nach Wärmesäckli, denn ich hatte nur noch zwei und ich weiss, dass mir noch drei Herbergen ohne Heizung bevorstehen. Natürlich hatte er welche. Auch eine Regenhose kaufte ich mir. Mit rund 30€ weniger und top ausgerüstet verliess ich den Shop und somit Rolf wieder. 

Lucy in der Herberge in Astorga
Lucy in der Herberge in Astorga

Als hätte ich heute nicht schon genug Schweiz gehabt, stellte sich heraus, dass die Hospitalera der Herberge in Astorga eine Baslerin ist. Sie küsste und umarmte mich, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Was für ein toller Tag! 


Wisst ihr warum? Heute liefen mir bittere Tränen übers Gesicht, als ich im Bus sass. Ich hatte riesiges Heimweh. Und wieder gab mir der Camino nicht das, was ich wollte, sondern das, was ich brauchte: ein Stück Heimat. Danke Camino.


In der Herberge füllten sich die Betten sehr schnell. Auch Andrea aus Ungarn, Davide aus Chile und der Koreaner trafen bald ein. Carles und ich fielen uns wie jeden Tag in die Arme. Inzwischen haben wir einen richtigen Move entwickelt. Jeden Tag wird er länger. 


Nach Spaghetti mit Bolognese und Brot liegen wir nun seit bald zwei Stunden im Bett. Draussen schneit es inzwischen. Morgen wollen wir alle nach Foncebadon. Hoffentlich müssen wir nicht über die Strasse laufen, sondern können über den tollen Pfad gehen. Wir werden sehen.


Erkenntnis des Tages:

Ich bekam heute etwas Heimat, genau das, was ich brauchte.