Was für ein Erwachen heute Morgen. Energisch stürmte eine kleine dicke Spanierin in der Schlafraum, klatschte in die Hände, kreischte empört etwas in unverständlichem Spanisch und Carles und ich waren auf einmal hellwach. Ungläubig schauten wir auf die Uhr. Es war 08:15 und ausser uns waren noch 3 andere Pilger in ihren Betten. Die Spanierin blieb vor den Betten stehen, bis alle auf ihren Füssen standen. Carles und ich mussten plötzlich einfach laut lachen. Was für ein lustiger Moment auf unseren Caminos. Nachdem ich alles zusammengepackt hatte und in der Küche gefrühstückt hatte, zottelte ich deutlich früher als sonst im Winter los. 

Puente la Reina
Puente la Reina

Bevor ich zur berühmten Brücke Puente la Reina kam, setzte ich mich in ein Cafe. Ich gönnte mir nach dem Schock des Morgens einen Tee Roja und studierte die mir bevorstehende Etappe. 


Nach einiger Zeit begab ich mich auf den Weg und passierte zuerst die Brücke und wanderte durch schöne Felder dem Fluss entlang. Das Wetter spielte super mit, denn die Sonne schien und es waf angenehm warm.

Dann kam der Anstieg nach Mañeru, den ich definitiv nicht so steil in Erinnerung hatte von 2016. Ich kroch förmlich nach oben und belohnte mich in Mañeru direkt mit einer Cola und einem Stück Tortilla de patata. 

Der weitere Weg war ein purer Genuss. Über Weinreben und offene Felder pilgerte ich bis zum nächsten Dorf. Dort angekommen galt es wieder einige steile Passagen zu bewältigen. Doch die schönen Gassen lenkten ab und so stand ich sehr schnell im Zentrum. Ich stempelte meinen Pilgerpass unter einem Torbogen und wanderte motiviert weiter. 

Nach einigen Kilometern stiess ich dann auf einen wundervollen Ort mitten im Nirgendwo. Gut versteckt in den Bäumen standen kleine Bänke, bemalte Vasen und auch die Bäume waren ganz unterschiedlich und liebevoll geschmückt. Es gab sogar eine kleine Kommode mit Büchern drin. Wieder zurück auf dem Weg konnte man gegen eine Spende Wasserflaschen, kleine Snacks und Erfrischungstücher mitnehmen. Ich warf 2€ in die Kasse und nahm ein Gebäck mit auf den Weg. Was für ein toller Ort.

Kurz vor Estella
Kurz vor Estella

Etwa 2 Kilometer vor Estella stiess ich auf John, der gerade dabei war, ein Steinmännchen auf einen Wegweiser zu bauen. Stolz liess er mich wissen, er hätte auch das letzte Steinmännchen auf dem Wegweiser zuvor gemacht.


Gemeinsam pilgerten wir nach Estella, holten uns einen Stempel bei der Touristeninformation und erkundigten uns nach der Herberge in Ayegui. Nachdem wir erfahren hatten, dass sie offen sei, wanderten wir zufrieden weiter nach Ayegui hoch. Plötzlich fing John an zu jubeln. Er freute sich so sehr wie nur möglich, dass sein Lieblingssportgeschäft auch hier in Spanien existiert. Ich musste so lachen. Meine Freude war eher, dass der Supermercado nicht weit von der Herberge entfernt war. Aber gut, jeder freut sich über seine eigenen Dinge.

In der Herberge angekommen, trafen wir auf Carles und Alberto (der Spanier). Wir freuten uns, als hätten wir uns vor Jahren das letzte Mal gesehen. Alle anderen Pilger der letzten Nacht seien in Estella geblieben. Wir würden wohl zu viert bleiben heute Nacht. 


Ich kochte dann Pasta mit Sauce und Salat und dazu gabs ein Bier und Wasser. Die Stimmung war super. Wir lachten, assen und genossen das Beisammensein. 


Später lagen wir im Bett und Carles und ich unterhielten uns über eine Stunde über den Sinn eines Jakobsweges, über die Notwendigkeit vom "immer Online sein wollen" und tauschten Erlebnisse von den letzten Tage aus. Es war spannend zu erfahren, wie er den genau gleichen Weg erlebt hatte. 


Irgendwann kamen auch die anderen ins Zimmer zurück und wir unterhielten uns in einem unglaublichen Mix von Spanisch, Französisch und Englisch. Keine Ahnung wie, aber wir führten ein Gespräch zusammen. 


Inzwischen schlafen Carles und Alberto. John schaut noch einen Film und ich verabschiede mich auch bald in meine Träume. 


Morgen dürfen wir bis 09:00 schlafen. Carles hat das extra abgeklärt für uns, damit morgen nicht plötzlich ein wütender Hospitalero im Raum steht und uns rauspfeift.


Das morgige Ziel: Los Arcos. Dort werden wieder alle Pilger aus Puente la Reina sein. Ich freue mich, die anderen wieder zu sehen am Abend. Doch die ruhige Herberge jetzt tut einfach gut. 


Gute Nacht und bis morgen.


Erkenntnis des Tages:

Ein Raum, vier Pilger, vier Nationalitäten, vier Sprachen - keine Sprache, welche alle sprechen und doch funktionierts.