Heute zog es mich regelrecht zurück auf den Weg. Ich konnte nicht schnell genug sein. Die Nacht war einfach unbeschreiblich erholsam. Jordon und ich frühstückten mit Patrick und bekamen noch die letzten  Wünsche mit auf den Camino. 


Ich packte mein Hab und Gut zusammen und wurde von Patrick und Oliver mit einer Umarmung verabschiedet. Glücklich und so richtig motiviert wanderte ich los. Die Sonne strahlte mit mir um die Wette und nichts konnte mich aufhalten. Auch nicht der sehr plauderfreudige spanische Bauer unterwegs. Er lief mit seinem Hund ein Stück mit mir mit, denn er musste ins nächste Dorf. Er würde jeden Tag diesen Weg von ungefähr 3km laufen und er freue sich immer, wenn er einem Pilger begegnet. Sein Spanisch war sehr gut zu verstehen und er verwendete sehr einfache Wörter, so war es wirklich eine grosse Freude mit ihm zu reden, weil ich alles verstehen konnte.


Kurz vor Sahagun lief mir ein Mann mit einem Gewehr entgegen. Es war ein Jäger, denn wenig später traf ich auf weitere Männer mit Gewehren. Ich setzte mich bei den Statuen auf eine Bank. Die Statuen bedeuten Halbzeit. Also die Hälfte des Camino Frances. Ich genoss die Sonne und da kam eine junge Frau in hohem Tempo auf mich zu. Sie winkte mir schon von Weitem. Ich begrüsste sie und wir stellten uns einander vor. Es war Andrea aus Ungarn. Eine Triathletin mit einer grossen Liebe zum schnellen Pilgern. Nachdem sie meinen Namen gehört hatte, fragte sie sofort, ob ich Carles und John kennen würde. Sie hätten von einer Schweizerin erzählt. Jordon kannte sie bereits von Roncesvalles. Sie war mega aufgestellt und lustig. Wir redeten einige Minuten bis dann Jordon zu uns stiess. Er musste so lachen und meinte: "Ja, dass ihr zwei euch kennenlernt, ist super. Aber jetzt komme ich erst recht nicht mehr zu Wort. Zwei Frauen, die so viel Energie haben auf einmal. Das macht mich fertig." Wir mussten alle lachen und pilgerten zu dritt nach Sahagun.


In Sahagun verabschiedete sich Andrea dann von uns und Jordon und ich machten uns auf die Suche einer Bar, um etwas Kleines essen zu können. Da hörten wir hinter uns eine bekannte Stimme, welche wir vor 9 Tagen das letzte Mal live gehört hatten. Es war Carles. Wir fielen uns in die Arme und freuten uns über das Wiedersehen.

Er kam mit uns mit und gemeinsam assen wir Tortilla de patata und tranken eine Cola. Er erzählte uns von seinen letzten Tagen ohne uns. Wir hatten zwar täglich Kontakt, aber was er durch den Tag so erlebt hatte, wussten wir natürlich nicht. 

Nach der Pause pilgerten wir gemeinsam zur Brücke, wo dann jeder seinem Tempo nachging. Plötzlich kam eine riesen Herde Schafe auf uns zu. Ich fand ich inmitten von dutzenden von Schafen wieder. Ich stand da so da und musste einfach lachen. Was für ein lustiger Moment. Da rennen um mich herum einfach Schafe. Ich konnte mich kaum erholen und freute mich noch mehrere hundert Meter über dieses spassige Erlebnis.

Die letzten Kilometer bis zu unserem Tagesziel pilgerte ich der wenig befahrenen Strasse entlang. Die Sonne schien und es war wirklich heiss. Schon bald sah ich die kleine Kapelle vor dem Dorf und ich wusste, dass ich nun gleich mein Ziel erreicht hatte.

In der Herberge wartete schon Carles und leider kein John. Wir riefen ihn gleich an und ich erfuhr, dass er dachte, es hätte nichts offen und nach zwanzig Minuten Warten in Berciamos del real Camino, ging er dann weiter. Wir machten aus, dass wir uns in Leon treffen würden, denn John wird dort eventuell den Camino unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt zurück kommen und ihn beenden.

Bald traf auch Jordon in der Herberge ein und wenig später Polina, eine Russin. Wir gingen nach üblicher Siesta, Duschen und Waschen in die einzig offene Bar, um zu essen. Das Essen war einfach, aber nahrhaft und lecker.

 Jordon und ich entdeckten gestern Abend im Internet den Guacamole-Song und präsentierten ihn dann bald inklusive Tanz Polina und Carles, welche dann ebenfalls einstimmten und zu viert sangen und tanzten wir den Song auf dem Weg zurück in die Herberge. Wir waren eine lustige Truppe und auch in der Herberge tanzten wir noch zur Melodie und erfanden eigene Texte.

Nun liegen alle in ihren Betten und schlummern bald vor sich hin. Ich freue mich auf den morgigen Tag. Und morgen sind es dann noch 17 Tage, bis ich wieder Schweizer Boden unter den Füssen habe. Juhui! Santiago de Compostela: ich komme!
Schweiz und Schatz: bald habt ihr mich wieder.

Erkenntnis des Tages:
Der Camino lässt mich leben und erleben.