Die heutige Etappe war der blanke Horror. Wirklich! Zuerst musste ich einige Kilometer durch die Stadt laufen, damit ich mal endlich aus ihr heraus kam, um dann durchs Industriegebiet pilgern zu können, nach dessen Ende ich entlang der streng befahrenen Strasse nach San Martin del Camino wanderte. 


Fertig! 


Erkenntnis des Tages:

Ich mag diese Etappe auch im 2018 nicht!



Mir ist bewusst, dass es eine alternative Route geben würde. ABER: dann würde ich nicht bei der Herberge von Amelia vorbei kommen. Diese Herberge ist einfach ein Traum. Ihre Lieblingsfarbe ist ebenfalls lila, was man in jedem Raum zu spüren bekommt. Die Wände in den Schlafräumen sind lila gestrichen und die Betten in der selben Farbe bezogen. Super.


Ich kam ziemlich genervt bei der Herberge an und Amelia sah mich, wusste, wer ich bin und hiess mich mit einer grossen Umarmung willkommen. Sie freute sich, als wäre ich aus der Versenkung wieder aufgetaucht. Es fühlte sich an, als würde ich nach Hause kommen. 


Carles und ich hatten gestern ein Zimmer mit zwei Betten reserviert, um ganz sicher ohne Schnarcher zu sein und somit diese Herberge voll und ganz geniessen zu können.

1 Tisch, 6 Menschen, 6 Nationalitäten: Lettland, Korea, Spanien, Chile, Ungarn, Schweiz
1 Tisch, 6 Menschen, 6 Nationalitäten: Lettland, Korea, Spanien, Chile, Ungarn, Schweiz

Ich stiess in der Herberge wieder auf die Ungarin Andrea, Davide aus Chile, lernte einen Koreaner, zwei Spanier und eine Spanierin kennen und bald kam auch schon Carles in die Herberge. 


Es gab ein riesen Hallo und nach einer ausgiebigen Siesta und Duschen folgte dann das von mir sehnlichst erwartete und ausgezeichnete Abendessen. Amelia zauberte eine vegetarische Paella und servierte dazu Poulet und Salat. Was für ein Festmahl. Alle griffen hungrig zu und die Stimmung war ausgelassen.


Andrea und ich plapperten ohne Punkt und Komma miteinander und alle mussten lachen. Da hätten sich zwei gefunden, meinten alle. Es war ein tolles Abendessen und ich wusste dann wieder: genau DARUM bin ich auf dem Camino. Um zu leben. Um zu erleben. 


Davide hatte heute seinen "Silent Day". Das bedeutet, er sprach den ganzen Tag kein Wort. Mit Gesten teilte er sich mit. Das wars. Das machen viele Pilger ein Mal oder auch mehrere Tage. Ich persönlich machte das im letzten Jahr an meinem letzten Tag vom Camino Frances. Ich sprach von Pedrouzo bis nach Santiago kein Wort. Erst bei der Kathedrale fand ich meine Stimme wieder. Es war ein tolles Gefühl, einfach mal zu schweigen. Man nimmt die Welt ganz anders wahr und vor allem: man ist achtsamer. Andrea möchte das am Freitag machen. Carles irgendwann nächste Woche. Und ich? Ich weiss es nicht. Vielleicht dann, wenn ich am Cruz de Ferro vorbei komme. Bedeutet aber, dass ich auch keine Sprachnachrichten aufnehmen oder mit meiner Freundin facetimen kann. Ich denke aber, dass ich diese Erfahrung doch noch einmal machen möchte. Ich denke drüber nach. Ich lasse es euch wissen.



Amelia tischte nach dem üppigen Abendessen dann noch verschiedene Desserts auf. Wir platzten alle beinahe. Ich genoss die Gemeinschaft, welche sich dann bald auflöste und jeder ging seinen Interessen nach. 


Carles und ich planten unsere nächsten drei Tage und wir beschlossen, unsere Etappen aufeinander abzustimmen, damit wir schlussendlich am selben Tag in Santiago de Compostela ankommen werden. 


Morgen nehme ich den Bus nach Astorga, denn meine Fersen schreien nach einem Offday. Ich kann gut auf die Strassenetappe verzichten morgen, würde jedoch gerne laufen. Doch mein Körper will eine Pause. Die gebe ich ihm. Übermorgen geht es nach Foncebadon, was eine längere Etappe als letztes Jahr sein wird und in die Höhe geht. So wäre es gut, etwas Energie zu haben für diesen Tag. 


Nun suche ich jedoch die Traumwelt. Der Tag heute hat mich echt gschafft.


Erkenntnis des Tages:

Ich lebe, um zu erleben.