Eine Last weniger

Gestern geschah das Unfassbare: zwei meiner basler Jungs standen plötzlich vor mir in Interlaken. Ich konnte es kaum glauben. Ich musste Weihnachten doch nicht alleine feiern. Gemeinsam assen wir Fondue und redeten über alles mögliche. Es tat so gut, die beiden bei mir zu haben. Bekannte Gesichter, bekannte Gerüche (ja, auf so was achte ich). Einfach wunderschön. Ich bedanke mich ganz herzlich bei euch für dieses tolle Weihnachtsgeschenk. Sandro und Jonny: ihr seid super! DANKE!!


Die Nacht war trotz einer kurzen Unterbrechung von etwa 30 Minuten sehr gut. Mit Unterbrechung meine ich die beiden Portugiesinnen, welche um 01:48 ins 8er Zimmer mit sechs schlafenden Menschen trampelten und das LICHT anzündeten! Bitte was?! Als wäre das total ok, räumten die beiden seelenruhig ihre Koffer aus, um oder ein. Was auch immer, sie räumten was am Koffer rum. Nachdem sie dann endlich das Licht ausgemacht hatten und auch mal in ihren Betten lagen, konnten alle weiter schlafen. 


Ich habe generell keine Mühe mit dem Schlafen auf den Caminos und so wachte ich erholt um 07:30 auf. Nach dem reichhaltigen Frühstück neben einem Inder, der offenbar kein Taschentuch hatte und deswegen seine Nase dauernd hoch schniefte, pilgerte ich dann los in Richtung Thun. 


Die Beschilderung war eine reine Kastastrophe. Ich hatte zeitweise wirklich Angst, dass ich wieder nach Hause laufen würde. Irgendwann kam dann wieder eine Jakobsmuschel und ich war erleichtert. Als Pilger ist man generell verloren, wenn weder gelbe Pfeile, noch Jakobsmuscheln da sind. Was mache ich bloss nach diesen 3 Monaten? Dann renne ich wahrscheinlich zu jeder Shell-Tankstelle. 


Der Weg bis zum Aufstieg zur Beatushöhle war easy und wunderschön. Dem Thunersee entlang durch ein Naturschutzgebiet. Ich bin ein grosser Fan von Sprachnachrichten, denn auf Streckenabschnitten verliere ich mich sehr oft nach Kilometerlangem Rumstudieren und gedanklichem "Lasten ablegen" in diesem Gedankengewirr. Da tut es mir sehr gut, wenn ich entweder Sprachnachrichten oder ein Hörbuch hören kann. Das holt mich wieder zurück aus meinen Gedanken.


Ich habe nicht wirklich viele Lasten abzulegen, es sind aber doch ein paar vorhanden, welche ich auf dem Weg lassen möchte. So schloss ich nach gestriger und heutiger Wut und auch Enttäuschung endlich mit meiner Ex ab. Ich werde sie sowohl mental, als auch im wirklichen Leben stehen lassen. Es hat richtig gut getan. Das hat jetzt wirklich 5 Caminos gebraucht. So sehr hat sie mir mein Herz kaputt gemacht, mir die Fähigkeit genommen, eine Frau an mich ran zu lassen und vor allem eines: Gefühle zu zulassen ohne Angst zu haben, dass damit wieder Domino Day gespielt wird. Und auch dank einer Frau, welche vor diesem Camino in mein Leben kam, ist das nun wieder möglich. Sie hat es geschafft, diese Mauer zu durchbrechen und mir gezeigt, dass es auch anders geht. Meine Ex hat mir während unserer Beziehung damals eine Zeichnung von einem Elefanten gemacht, welche immer noch im Wohnzimmer hing. Diese habe ich in meinem Rucksack dabei. Morgen werde ich sie irgendwo zurück lassen. Sie ist nun abgeschlossen. Eine Last weniger.


Die Etappe war also nicht nur körperlich, sondern auch mental anstrengend. Doch es tat gut. Ich teile diese Gedanken mit euch, weil ich euch zeigen will, dass es wirklich möglich ist, irgendwann aus einem Liebeskummer raus zu kommen. Es sieht lange aussichtslos aus, doch der Moment wird kommen, an dem ihr abschliessen könnt. 


In Thun angekommen setzte ich mich in eine Pizzeria und war etwas traurig, dass ich alleine essen musste. Das ganze Restaurant war nämlich voll mit Familien und Freunden, welche Weihnachtsessen hatten. Ich bestellte mir also einen Salat und eine Pizza und versuchte mich mit meinem Handy abzulenken. Dann setzte sich ein älterer Mann an den Nebentisch und bestellte Spaggetthi. Zeitgleich kam unser Essen. Ich wünschte ihm einen guten Appetit und er mir auch. Er fragte mich, ob ich auf einer Reise sei. Als ich ihm erklärte, was ich gerade mache, war er beeindruckt und es entstand ein wundervolles Gespräch. Er erzählte mir von seinen Rucksackreisen früher. Er ist 89 Jahre alt. Wir redeten selbst nach dem Essen noch weiter. Die Leute um uns verschwanden schon alle. Wir redeten und redeten. Dieser Mann war ein Geschenk vom Camino (Camino Magic). Es tat so gut diesem Mann zuzuhören. Bald kam eine gute Kollegin von mir, Sarah, dazu. Sie wohnt in der Umgebung und heute und morgen treffen wir uns. Sie ist ebenfalls eine begeisterte Wanderin. Ich mag es, wenn sie mir jeweils Postkarten und Fotos von ihren Reisen schickt. 


Sie klinkte sich ebenfalls ins Gespräch mit dem älteren Herrn ein und zu dritt genossen wir das Beisammensein. Ich verlangte dann die Adresse dieser tollen Camino-Begegnung, damit ich ihm dann aus Santiago schreiben schicken kann. Er war nämlich noch nie in Santiago de Compostela, wie er traurig erzählte. Also werde ich ihm von dort einen Brief schreiben. 


Ich schreibe übrigens jeden Tag einen Brief. An verschiedene Menschen. Es tut gut, sich hinzusetzen und einfach zu schreiben. 

So schicke ich auch an meine basler Jungs Briefe. Jede Woche bekommt einer von ihnen einen Brief. Sie wissen nicht, wer wann einen bekommt, aber dass sie einen kriegen.


Ich übernachte heute in einer christlichen Pilgerherberge. Ein sehr schöner Ort um am Weihnachtstag zu sein. Die Krippe in der Kapelle ist nämlich wunderschön und ich fühle mich sehr wohl in diesem Haus. 


Erkenntnis des Tages:

Danke Camino, dass du mich immer wieder staunen lässt, was für tolle Menschen und Orte es gibt