Und es geht hoch

Nachdem ich letzte Nacht dann endlich eingeschlafen war, schlief ich wie ein Stein. Um 07:45 klingelte der erste Wecker und um 08:00 stand ich dann auf. Ich packte mein Hab und Gut zusammen und begab mich zum Aufenthaltsraum. Bis auf 3 Kerzen war es dunkel im Raum. Sr Doris meinte: "Ich glaube, etwas Licht können Sie heute gut gebrauchen, darum die Kerzen". 


Gemeinsam assen wir das Frühstück und plauderten übers Pilgern, meine Beweggründe für den Weg und auch über meinen Glauben, welchen ich vor Kurzem in Frage gestellt hatte. Ich mochte das Gespräch mit Sr Doris sehr, denn auch sie war sehr offen und gab mir viele tolle Worte mit auf meine Reise. Auch den Pilgersegen sprach sie aus.


Gestärkt und glücklich machte ich mich auf den Weg. Zuerst lief ich beim "Zuhause" meiner Grosseltern vorbei. Auf ihrem Grab liegt seit meinem letzten Wintercamino eine Jakobsmuschel, welche ich aus Santiago mitgenommen hatte damals. Ich nahm sie in meine Hände und tankte Kraft, legte sie wieder hin und wanderte zum Vierwaldstättersee in Brunnen. Das Schiff legte um 11:16 erst ab und so hatte ich noch eine Stunde Zeit, um die erste Postkarte zu versenden und noch eine kalte Schoggi zu trinken. Ursprünglich wollte ich zu Fuss nach Gersau und dann per Schiff über Beckenried, um dann wieder zu Fuss nach Stans pilgern, da der Seelisberg und der Weg nach Emmetten nicht empfohlen wurde. Doch es packte mich dann doch, dem "richtigen" Jakobsweg zu folgen.


So nahm ich also das Schiff nach Treib und hätte die Möglichkeit gehabt, mit dem Bähnli auf den Seelisberg und dann zu Fuss gemütlich runter nach Emmetten zu gelangen. Mein Pilgerdickkopf liess das natürlich nicht zu und deswegen spazierte ich direkt an der Talstation vorbei und bergauf der Teerstrasse entlang. Bald darauf führte der Weg über Wiesen und schmale Bergstrassen. Nach dem ersten strengen Anstieg nahm mich ein Hund wedelnd und freudig in Empfang. Er sprang an mir hoch und wollte spielen. Der Bauer kam aus der Scheune und rief den Hund zu sich. Als ich dann vor ihm stand, meine Jacke richtete und den Dreck etwas abwischen konnte, entschuldige er sich in aller Form für seinen Hund. Ich erklärte ihm, dass es völlig in Ordnung sei und ich keine Angst gehabt hätte. Er staunte nicht schlecht, als ich ihm erzählte, dass ich nach Spanien laufen möchte. Er wünschte mir nur das Beste und Gottes Segen und ich pilgerte weiter den Berg hoch.


Es wurde immer steiler und schneereicher. Ab hier waren die Pfade nicht mehr geräumt und ich stapfte durch den Schnee. Es war sehr anstrengend, denn der Regen wurde ebenfalls stärker. Ich fror jedoch nie und so konnte ich den Weg trotzdem geniessen. Nach ungefähr 4km stand ich dann endlich an einer Strasse. Dieser folgend ass ich das erste Weihnachtsguezli, welche mir mein Mami mitgegeben hatte. 


Und dann ging es steil hoch in den Wald. Ich liebe es jedoch, wenn ich meinen Körper so richtig herausfordern kann. Ein tolles Gefühl, wenn man dann oben ist und es gepackt hat. Einfach super! 

Und so war es dann auch; oben angekommen, fühlte ich mich grandios. Ich wusste da noch nicht, dass es noch steiler werden würde. 


Durch den Wald über sehr enge Wege und schneebedeckte Pfade pilgerte ich mehrere Kilometer bis nach Emmetten. Zwischendurch wurde es wirklich anstrengend, denn der Schnee lässt einen Schritt wie zwei Meter anfühlen. Zur Ablenkung ass ich weiter Guezli. Es half.


In Emmetten traf ich auf einen Wildhüter, welcher erstaunt fragte, woher ich denn komme. Er war beeindruckt, dass ich den Weg über den Jakobsweg in dieser Jahreszeit mache hier in der Gegend. Ich solle jedoch unbedingt den Bus nach Beckenried oder Buochs nehmen, denn der Weg von Emmetten nach Beckenried sei sehr steil und selbst im Sommer bei Regen gefährlich. 


Ich hörte auf ihn und setzte mich in Emmetten an die Bushaltestelle, wechselte mein Shirt unter der Jacke und ass die letzten Guezli. Schliesslich hatte der Mann graue Haare und war alt. Denen kann oder muss man glauben. Im Bus war es wohlig warm und ich rief meinen Bekannten aus der Armee an, welcher den Weg mit seiner Frau ebenfalls im Winter gemacht hatte und dann ohne seine Frau ab Genf nach Santiago pilgerte. Ich fragte ihn, wo ich denn am Besten aussteigen solle, um dann ohne Probleme nach Stans zu kommen. Er sagte mir, ich solle doch bis nach Stans fahren. Das Wetter sei echt mies, morgen soll es besser werden und ich würde noch genügend Kilometer zu Fuss hinter mich bringen. Krank werden sei dann wirklich mühsam und ich soll sicher bis Spanien alle höheren Berge überspringen, da der Schnee nicht zu unterschätzen sei.


Na toll. Etwas frustriert fuhr ich also nach Stans wo Sarah mich in Empfang nahm. Gemeinsam gingen wir eine grosse Pellerine kaufen, welche nicht nur über mich sondern auch über meinen Rucksack passte und holten den Stempel auf der Gemeinde ab. 


Bei ihr Zuhause traf ich dann auf ihr Mami, welches mich herzlich begrüsste. Nach einer Dusche und trockenen Kleidern am Leib tragend fühlte ich mich wie neu geboren. Es war einfach ein herrliches Gefühl. Zum Abendessen kochte Sarah für alle ein super feines Pastagericht. Ich lernte auch noch ihren Papi kennen und nun liege ich gemütlich im Bett und schreibe diesen Blogeintrag. 


Morgen geht es zuerst zu Fuss nach St. Jakob und dann mit dem Bus nach Sachseln ab wo ich dann weiter nach Giswil pilgern werde. Flüeli-Ranft ist verschneit. Doch mit diesem Risiko habe ich gerechnet. Es ist Winter. So ist es nun mal. Doch ich werde es bis nach Santiago schaffen. Auch wenn einige Kilometer mit den ÖV zurückgelegt werden müssen. Über 2200km lege ich zu Fuss zurück. Das muss ich mir im Kopf immer wieder sagen.


Gute Nacht und bis morgen.


Erkenntnis des Tages:

Unterschätze niemals den Rat eines Mannes mit grauen Haaren!