Heimweh

Ich schlief nicht gerade so gut wie die Nacht zuvor, aber ich fühlte mich erholt und setzte mich in Giswil in den Zug um über den Brünig nach Niederried zu gelangen, von wo ich dann wieder zu Fuss nach Interlaken weiterpilgerte. 


Vom Zug aus hatte ich einen wunderbaren Ausblick auf das tolle Winterparadies. Zeitgleich waren zwei Freunde ganz in der Nähe unterwegs. Regelmässig bekam ich Sprachnachrichten und Bilder von ihrer "Pilgerreise", welche eher einer Kaffee Zwätschge Wanderung glich.. aber es war toll, liebe Menschen in der Nähe zu wissen. 


Denn heute wurde mir während dem Laufen so richtig bewusst, dass ich tatsächlich noch 69 Tage weg bin von allen, ich in einer Woche die Grenze zu Frankreich überschreiten werde und dann immer weiter weg gehe von meiner Heimat. Vielleicht liegt es an Weihnachten. Heute ist ja Weihnachten und ich bin nicht Zuhause, sondern mit ca 100 fremden Menschen aus aller Welt in einem Hostel in Interlaken. Ich vermisse meine Familie gerade sehr. Auch meine Freunde sind so weit weg. Die Sprachnachrichten, welche ich bekomme, tun mir gut und geben Kraft für den weiteren Weg. 


Ich pilgerte also über einen schönen Uferweg nach Intelaken. Es war aber sehr kalt und ich musste die Fleecejacke zusätzlich anziehen. Vorbei an schön dekorierten Familiensiedlungen und lustigerweise begegnete ich heute an so vielen lila Dingen. Nikolaushütchen, Fensterläden, Häuser, ja sogar ein Kanu war lila und lag am Wegrand. Als würde mir der Camino sagen wollen: "Simii, geh weiter, die Menschen warten alle auf dich bis im März" (Camino Momente gibt es immer wieder und ich habe dazu ein Video gemacht vor ca einem Jahr: Zum Video)


In Interlaken angekommen musste ich jedoch noch etwas weiter gehen. In Matten steht die älteste Jugendherberge der Schweiz - das Balmer's Backpackers Hostel. Von aussen sieht es aus wie ein Chalet und wenn man näher kommt, entdeckt man, dass alles auf junge Menschen ausgelegt ist. Es hat einen Game Room, mehrere Aufenthaltsräume, eine grosse Küche mit Essbereich, einen hauseigenen Club mit Barbetrieb, einen Biergarten und sogar ein Jacuzzi. Die Zimmer sind für einen Pilger das maximale Luxusgefühl: es hat eine Bettdecke! Männer und Frauen sind getrennt untergebracht und die Nasszellen sind sauber und es hat warmes Wasser. Eine Pilgerin im Pilgerhimmel. (Ich habe bestimmt keine Probleme mit Männern, aber schnarchen tun meistens die Männer.. Camino-Erfahrung)


Im nahegelegenen "365 Tage offen"-Coop holte ich mir Salat, Brot, Käse, Eier und Chips. Zurück im Hostel machte ich mir mein Zvieri. Der Gemeinschaftskühlschrank müsst ihr euch in der Galerie angucken. Pilger sind das definitiv nicht. So viel trägt kein Pilger freiwillig mit sich mit am nächsten Tag. Da hat es riiiesen Säcke mit Lebensmitteln drin. 


Nun sitze ich gemütlich in einem der gefühlt 2000 Aufenthaltsräumen und schreibe diesen Blogpost während meine Wäsche inzwischen schon im Tumbler ist. 


Später kann man für 15.- Käse-Fondue essen und den Weihnachtsabend mit anderen geniessen. Werde ich natürlich machen. Bin gespannt, wen ich alles treffen werde heute Abend. In meinem 8er Zimmer sind bisher nur Asiatinnen. Doch es hat auch andere Leute ausser Asiaten. Amerikaner und Engländer. Doch wie üblich ist man offen und redet mit allen. Das mag ich am Reisen. Die Offenheit und Unkompliziertheit der Pilger/Backpackers. Dies mochten schon meine Eltern damals, als sie noch durch die Welt reisten. Man braucht keine luxuriösen Hotels und wahnsinns Schnickschnack um glücklich zu sein. Das lernt man definitiv auch auf dem Camino. 


So, von meinem bevorstehenden Abend erzähle ich dann morgen. Doch jetzt muss ich zu meiner Wäsche und mein Handy laden. 


Bis morgen. 


Erkenntnis des Tages:

Die Familie und Freunde sind immer dabei, auch wenn sie nicht da sind.