Meine Nacht war angenehm und warm. Ich schlief wie ein Stein und war dementsprechend ausgeruht und fit, um den Aufstieg auf den Alto de Mostelares zu starten. Ich befürchtete schon, ich würde leiden wie ein betagter übergewichtiger Ochse. Doch ich war innerhalb kürzester Zeit oben. Ich stellte fest: ich bin fit! Ich freute mich sehr darüber und wanderte dann weiter ins Nichts. Der Nebel verdeckte so wirklich alles und ich lief einfach mal los. 

Ich pilgerte so vor mich hin und dachte über eine Frage nach, welche mir eine Bekannte mit auf den heutigen Weg gegeben hatte. Täglich schickt sie mir eine Frage, welche ich ihr dann, wenn ich Lust dazu habe, beantworten kann. 


Die heutige Frage war, welcher Camino der schönste war und wieso.

Ich hatte grosse Mühe, diesen zu benennen, denn jeder meiner Camino hatte seine tollen, aber auch negativen Aspekte. Der am intensivsten war bestimmt der Wintercamino im Februar 2017. Ich konnte dort sehr viel mentalen Balast liegen lassen, nahm Abschied von Menschen in meinem Leben, welche mir nicht gut taten und ich begann, neue Wege einzuschlagen, welchen ich heute folge. 


Ich bin jedoch überzeugt, dass der jetzige Camino noch intensiver ist. Denn seit zwei Wochen pilgere ich, viele Gedanken sind nun zu Ende gedacht, wenige neue Pläne kamen in meinen Kopf und eine mir bisher wichtige Freundschaft wird zu Ende gehen, da sie einseitig ist. 


Dieser Camino dauert noch drei Wochen. Jeden Tag werde ich geniessen und auch dieses Mal wieder um einige Erkenntnisse reicher sein. Das Pilgern gibt mir wieder neue Kraft und Energie für den neuen Abschnitt in meinem Studium und ich bin mir über meine Zukunft sicherer denn je. 


Dieses Nichts kann einem schon sehr viel geben. Was ich gestern noch als langweilig und total schlimm empfunden hatte, war heute eine reine Gedankenreise. Gute Erfahrung. Ich freue mich irgendwie auf Freitag. Diese 18km "Nichts" werden voll sein. Voll von Gedanken und neuen mentalen Wegen. 

Weg vom Nichts und über eine schöne Brücke führte mich der Weg dann ins erste Dorf auf meiner heutigen Etappe. In Itero de la Vega wanderte ich mit Musik in den Ohren an einer Bar vorbei wo dann plötzlich eine bekannte Stimme meinen Namen rief. Jordon sass in der Bar und ass sein Mittagessen. 


Auch ich bestellte mir dann ein Sandwich und setzte mich zu ihm. Wir planten unsere Weiterreise um, denn der Wirt sagte uns, dass es in Fromista zwar eine Herberge hätte, diese jedoch keine Verpflegung anbieten würde im Winter. Das wollte ich nicht noch einmal erleben und auch Jordon war dann einverstanden mit einem Halt in Boadilla del Camino.


Jordon zog dann wieder weiter und ich ass mein Sandwich zu Ende, guckte noch ein wenig in meinen Pilgerführer und dann pilgerte auch ich weiter.

Ich wanderte aus dem Dorf und ins erneute Nichts. Doch dieses Mal nahm ich für meine Freundin Ramona eine lange Sprachnachricht auf. Beinahe den gesamten Weg nach Boadilla del Camino. Jeden Tag schickt sie mir morgens ein Selfie und eine Sprachnachricht. Sie mag Sprachnachrichten von mir und ich wollte ihr heute mal eine sehr lange Nachricht zurück schicken. Noch drei Wochen und ich kann sie wieder in meine Arme schliessen. Das Vermissen wird immer intensiver und wir zählen die Tage. 


Trotzdem ist es eine Freude, den Camino Frances zu machen. Er gibt mir viel Freude und lässt mich einige Erfahrungen machen, an welchen ich wachsen kann. 


In Boadilla del Camino sass Jordon mitten im Dorf auf einer Bank und erwartete mich bereits. Gemeinsam liefen wir zur einzig geöffneten Herberge namens "Titas". Na gut, wir mussten lachen.


Der Hospitalero nahm uns sehr freundlich in Empfang. Die Räumlichkeiten und das Abendessen sind und waren ein reiner Traum. Ein Badetuch gab es ebenfalls. Pilgerluxus pur. 


Nun liege ich in meinem Bett und lese nach diesem Blogpost weiter in meinem zweiten Buch. Das hat mir Jouko mitgegeben. Ein Tussibuch, aber bisher ganz witzig geschrieben. Mal sehen. 


Erkenntnis des Tages:

Das Nichts ist nicht leer.