Der Anfang von 18km "Nichts"
Der Anfang von 18km "Nichts"

Ich schlief wie ein Faultier. Es war eine herrliche Nacht und gleichzeitig eine spezielle. Denn ich verbrachte sie in einem Kloster. Um 22:00 kam eine Klosterfrau in den Schlafraum und zählte die Pilger. Keiner durfte den Raum mehr verlassen ab jetzt, ausser man muss zur Toilette. Auch das Licht durfte nicht mehr angezündet werden. Danach gab es ein allgemeines "Buen Camino und Gottes Segen" und die Ordensschwester huschte aus dem Raum.


Ich schlief ziemlich schnell ein und vor allem bis 07:00 durch. Super. Als erstes schaute ich aus dem Fenster, um das Wetter abzuchecken. Ich konnte noch nichts erkennen und so blieb ich noch etwas liegen. Gegen 08:00 bewegten sich dann die ersten Pilger aus ihren Betten und erneut guckte ich aus dem Fenster. Blauer Himmel! Juhui! Heute durfte ich zur Abwechlung mal bei Sonnenschein durchs "Nichts" pilgern. Toll.


Gleichzeitig fürchtete ich mich ein wenig davor. Mit Jordon genoss ich ein königliches Frühstück und etwa 20 Minuten nach Jordon startete ich den grossen Tag.

Die Brücke beim Stadtausgang von Carrión de los Condes
Die Brücke beim Stadtausgang von Carrión de los Condes

Kurz bevor ich die Stadt dann verliess, traf ich auf den jungen Spanier aus der Herberge. Er stand am Strassenrand und machte Autostopp. Ich erkundigte mich nach seiner Motivation dazu. Er erklärte mir, dass er seit Tagen schon grosse Schmerzen in den Oberschenkeln hätte und er dieses Stück nun auslassen müsse, da er keine Ahnung hätte, was er auf den 18km machen würde, wenn er nicht mehr laufen könne. Ich wünschte ihm gute Besserung und wanderte weiter.


Bald stand ich dann vor dem Feldweg. Das ist er also. Der Start zum 18km langen "Nichts".

Ich stellte die knapp 30 Minütige Sprachnachricht von Ramona ein und pilgerte zielsicher los. Ich hörte meiner Freundin aufmerksam zu und guckte gleichzeitig um mich und konnte beobachten, wie um mich immer mehr Zivilisation verschwand. 


Es war eisig kalt, der Wind gab alles und trotz Sonne fror ich, sobald ich stehen blieb. Kurze Zeit nach Start des Nichts stiess ich auf den Romand, welcher gemütlich am Wegrand sass und eine Zigarette rauchte. Ein paar Worte tauschte ich mit ihm aus bevor ich weiterging und auch Jordon einholte, welcher aufgrund seines schmerzenden Knies etwas gemütlicher unterwegs war als ich. Ich lief jedoch strammen Schrittes weiter und wünschte ihm einen guten Weg.


Bei einem Rastplatz setzte ich mich hin und ass mein Sandwich. Es schmeckte so gut wie noch kein anderes bisher. Jordon und auch der Romand tauchten bald auf und machten ebenfalls Pause.


Mich zog es bald wieder auf den Weg zurück.



Und dann war es soweit. Ich pilgerte ganz alleine ins Nichts. Kilometerweise lief ich geradeaus. Es sah die ganze Zeit hinter mir genauso aus wie vor mir. Ich schaute um mich und sah, dass sich auch links und rechts nichts veränderte. 


Ein komisches Gefühl war das also schon. Alles flach, alles geradeaus und ich mit mir allein. Das mit dem WC war dann auch noch kurz eine lustige Sache. Ich hätte eigentlich mitten auf die Strasse pinkeln können, es hätte keiner gesehen. Weit und breit nichts. Doch ich ging in den Strassengraben. Man weiss ja nie.


Ich lief und lief. Und lief und lief. Es veränderte sich nichts um mich. Gaaar nichts. So ist also das Nichts. Irgendwie friedlich. Muss ich aber doch nicht jeden Tag haben, dieses Nichts. 


Mein Kopf war jedoch alles andere als leer. So viele Gedanken hatte ich. So viel erzählte ich meiner Freundin in der Sprachnachricht. Alles andere als Nichts.

Als ich schon bald genug hatte vom Nichts, tauchte plötzlich - aus dem Nichts - tolles Wortspiel, mein Tagesziel auf. Ich war überglücklich und setzte mich auf die Bank direkt beim Dorfeingang, ass den Rest des Sandwiches und wartete auf Jordon. 


Irgendwann wurde es mir dann zu kalt und ich ging in die Herberge. Auf spanisch erklärte mir der Hospitalero alles und zeigte mir den Schlafraum. Er sagte, ich könne später zahlen kommen, ich solle zuerst einmal ankommen nach diesen 18km durch die Felder. 


Ich drehte mich um und suchte mir ein Bett aus. Da entdeckte er wohl mein Schweizer Kreuz am Rucksack und fragte, woher ich komme. Ich sagte, dass ich aus der Schweiz komme und dann fing er an Schweizerdeutsch zu reden. Er sei ein Zürcher Pilger und lebe seit 24 Jahren in Spanien. Der Camino hätte ihn irgendwann hier behalten und nicht mehr gehen lassen.


Ich freute mich unglaublich über den Schweizer Hospitalero und konnte die Ankunft von Jordon kaum erwarten, um ihm davon zu erzählen. 


Bald sah ich ihn kommen. Ich rannte hinunter und ihm entgegen. Ich erzählte ihm freudig von dieser Herberge und auch er freute sich. 

Dani, der Hospitalero, sagte mir, ich könne Jordon alles zeigen und wir sollen dann beim Nachtessen alles bezahlen. 


Nach einer super Dusche und einer Siesta kam Dani nach oben und fragte nach unserem Wohlbefinden. Diese 18km seien schon hart. Wir redeten über die Schweiz und die Armee. Auch er war beruflich in der Schweizer Armee tätig, ging dann auf den Camino, zurück in der Schweiz, zog es ihn immer wieder auf den Weg und irgendwann sei er geblieben.


Das würde mir bestimmt auch irgendwann passieren. So hätte es bei ihm auch angefangen; ein Camino nach dem anderen und irgendwann gehst du nicht mehr zurück, meinte er.


Er verliess den Raum und ich blieb mit diesen Worten zurück. Was, wenn er recht hat? Was, wenn ich meine Zelte wirklich irgendwann in der Schweiz abbreche und hier auf dem Camino in Form einer Herberge wieder aufschlage? Ich muss diese Gedanken mit auf den Weg nehmen. Abwegig sind sie nicht. Doch ich glaube nicht, dass das ohne meine Freundin gehen würde. Die Sehnsucht und das Tage zählen sind unerträglich. 


Später kam dann noch der französisch sprechende Schweizer in die Herberge und somit standen seit langer Zeit mal mehr Schweizer als üblich in Spanien in einem Raum. War schon irgendwie lustig.


Gegen 19:00 staunten Jordon und ich nicht schlecht, als wir im Speiseraum auf unser Dinner trafen. Alles frisch gekocht und meeega lecker. Vorspeise: Gemüsesuppe UND Spagetthi Carbonara. Hauptgang: Hühnchen und mit Käse und Schinken überbackene Kartoffeln. Jordon und platzten beinahe. Doch es war das beste Pilgermenu ever. Wirklich. 


Dani verwöhnte uns wirklich und gab uns noch Tipps für die kommenden Etappenziele bezüglich Herbergen. 

Gestopft wie eine amerikanische Weihnachtsgans, wie Jordon zu sagen pflegt, begaben wir uns in den Schlafraum zurück. Absolut übersättigt liegen wir nun in unseren Betten und schreiben unsere Blogposts. Der Schweizer schnarcht schon friedlich vor sich hin.


Morgen geht es nach Sahagun. Noch 19 Tagen sind es morgen. Und ich habe beschlossen, alle Etappen nun zu laufen. In 17 Tagen bin ich in Santiago de Compostela. Ich freue mich sehr. Doch noch mehr auf meib Zuhause. Die Sehnsucht nervt langsam. Uncool so etwas. Wirklich. "Wükii" ;-) 


Erkenntnis des Tages:

Vielleicht bleibe ich irgendwann.