Der heutige Tag ist eigentlich sehr schnell beschrieben. Doch er dauerte ewig. Die 24km nach Carrión de los Condes wollten kein Ende nehmen. Es regnete in Strömen. Ich war schon nach den ersten 6 Kilometern von den Oberschenkeln abwärts komplett durchnässt und nach weiteren 5 Kilometern schwammen meine Füsse in den Schuhen. 


Vor mich her fluchend wanderte ich wie von zehn Hunden gejagt von einem Dorf zum nächsten. Laut fluchte ich vor mich her. Ich zweifelte an meiner Liebe zum Camino und als dann der Wind auch noch in diese ganze Wettertragödie miteinstimmte, verlor dann definitiv die Nerven. Ich war auf jeden Autofahrer neidisch und regtme mich über jede Pfütze auf. Ich stellte mir vor, wie ich jetzt eigentlich Zuhause mit meiner Freundin auf dem Sofa chillen könnte. Aber NEIN! Simii geht lieber mit Regen und Wind über den Camino Frances. IM WINTER! Dümmste Idee ever. Wirklich.


Ich erholte mich nicht. Im letzten Dorf vor dem Etappenziel dachte ich sogar kurz an eine Übernschtung dort. Doch ich sah dann einen Pilger im Bushäuschen sitzen und er liess mich wissen, dass in etwa einer halben Stunde ein Bus kommen würde. 


Ich klatschte mir mental eine und lief weiter. Das wäre ja noch besser. Die letzten 5.7km noch mit dem Bus. Nein, ganz bestimmt nicht. Ich fluchte dann einen meiner Freunde per Sprachnachricht voll und stampfte genervt weiter. 


Kurz vor dem Ziel stiess ich dann auf Jordon. Auch seine Motivation war irgendwo in einer Pfütze geblieben. Ich fing an zu lachen. Einfach so. Und er stimmte ein. Dann fragte er mich, wie mein Tag war. Ich beantwortete die Frage bloss mit einem Wort: HORRIBLE.

Jordon meinte dann aber, ich würde ja immer noch lachen. Als ich ihm erklärte, dass halt auch das zum Camino gehören würde und ich irgendwann über genau solch anstrengende Tage lachen werde, nickte er stumm und wir pilgerten gemeinsam zur Herberge Espiritu Santo. 


Im Kloster angekommen wurden wir herzlich empfangen und im Schlafraum stiess ich auf den ersten Schweizer Pilger, den ich je getroffen habe. Ein Romand, also französisch sprechend. 


Ich zog meine Schuhe aus und konnte, nicht übertrieben, das Wasser ausschütten. Ich stopfte Zeitung in meine Schuhe und sprang bald unter die herrliche Dusche. Eine Wohltat nach so einem Tag, sag ich euch. 


Mit Jordon kochte ich dann noch Hühnchensuppe und Spagetthi mit Tomatensauce. Lecker! 

Nachdem ich mit meinem Papi wieder mal facetimen konnte, machte ich noch den Abwasch und spazierte zurück ins Zimmer.


Im Zimmer sind mit Jordon und mir 7 Pilger. Ein französisches Pärchen, welches mit ihren Fahrrädern seit zehn Monaten durch Europa reist und nun zum Schluss von Santiago nach Hause fährt, zwei Spanier, der Schweizer und Jordon und ich.


Auch mit Ramona habe ich noch kurz per Facetime geredet. Gestern hatte ich so starke Sehnsucht, dass ich weinend im Bett lag und mich nur mit viel Mühe beruhigen konnte. 


Meine Familie vermisse ich auch sehr. Das Gespräch mit meinem Papi tat sehr gut und ich bin froh, dass meine Eltern mich so unterstützen. Das gibt mir Kraft und Motivation. 


Auch allen Freunden, welche mir regelmässig Nachrichten schreiben und Sprachnachrichten schicken, all denen danke ich auch von Herzen. Es ist ein sehr toller Weg. Und ihr alle seid ein Teil davon.


Morgen stehen nun die 18km vor mir. Ich habe keine Angst. Aber Respekt. Zwei riesen Sandwiches, zwei Wasserflaschen und ich sind bereit für die lange Etappe ohne Einkehrmöglichkeit. Es wird eine spezielle Erfahrung und ich werde bestimmt auch an dieser wachsen können.


Erkenntnis des Tages:

Nach dem Regen gibts Spagetthi.