Die heutige Etappe von rund 26km mit stetigem Anstieg nahm ich obergemütlich. Ich verabschiedete mich von Lucy, welche mich am liebsten da behalten hätte und machte mich mit Carles auf den Weg zum nächsten Cafe, wo wir unser Frühstück zu uns nahmen. Bald gesellte sich der finnische Radpilger zu uns, auch Andrea und Davide fanden den Weg zu uns ins Cafe. Ein weiterer Schweizer, Olivier aus dem westlichen Teil meines Heimatlandes ist seit Tagen immer in den selben Herbergen, doch viel mit ihm geredet hatte ich bisher nicht. Das sollte sich heute ändern.


Carles machte sich irgendwann auf den Weg und auch die anderen verabschiedeten sich von mir. Ich hatte nun Zeit, den Brief zu meinem Geburtstagsgeschenk für meine Freundin zu schreiben, denn dieses wollte ich heute zur Post bringen. Ich versuchte so viel Liebe wie nur möglich mit diesem Brief in die Schweiz zu schicken. Ich hielt meine ganze Hand über dem Brief während ich schrieb. Am Schluss strich ich einige male über die ganzen Worte und packte alles ein. Am liebsten hätte ich mich selber miteingepackt und losgeschickt. Ging ja leider nicht. 


Das Heimweh ist übrigens so stark wie noch auf keinem Camino. Täglich wünsche ich mich nach Hause. Trotzdem geniesse ich den Camino natürlich. Aber es zerrt an meinen Kräften, mein Zuhause und vor allem meine Freundin so zu vermissen. Wir zählen die Tage. Noch 13, morgen noch 12, dann bin ich wieder in der Schweiz. Man versucht zwar, abzuschalten und sich auf den Weg einzulassen. Das klappt auch, aber abends im Bett bin ich gedanklich in der Schweiz.


 

Über mein Heimweh redete ich gestern Nacht mit Carles. Er hat sich dann zur Aufgabe gemacht, mich aufzumuntern. Und so schrieb er heute den ganzen Weg voll mit Botschaften und Aufgaben für mich. Es fing an mit "Go Simone!", ging weiter mit "Life is a challenge!" und hörte bei "sing!" auf. Ich wusste sofort, dass sie von Carles waren. 


Eine Aufgabe war: "say goodbye to something bad in your life". Ich hatte noch die Zeichnung meiner Exfreundin dabei. Die wollte ich eigentlich beim Cruz de Ferro liegen lassen. Doch in El Ganzo hatte ich plötzlich das Bedürfnis, diese Zeichnung endlich loszuwerden. Ich zerknüllte sie und warf sie ohne grosse Emotionen in den Abfall. Total befreit wanderte ich weiter. Ein riesen Glücksgefühl überkam mich. Zwei Jahre lief ich ihr hinterher. Zwei Jahre war ich emotional blockiert und konnte nicht wirklich Gefühle für eine andere Frau ausser für sie empfinden. Ich war oft egoistisch und spielte mit Gefühlen anderer. Seit ich meine Freundin in meinem Leben habe, ist endlich die Mauer um mein Herz weg und ich empfinde Gefühle, so stark wie noch nie für eine Frau an meiner Seite. Dieser letzte Schritt, meine Exfreundin durch die Zeichnung endgültig aus meinem Leben zu streichen, tat so gut, dass ich strahlend nach Rabanal del Camino pilgerte. 



Nach Rabanal del Camino führte mich der Camino an einem Regenbogen - Wegweiser vorbei und weiterhin stetig Berg aufwärts. Auf den letzten Kilometern stiess ich auf Olivier, der Schweizer. Gemeinsam teilten wir ein Stück Weg. Wir redeten über unsere bisherigen Caminoerfahrungen und er erzählte mir von seinen Beweggründen für den Camino. Ein spannender Mensch mit tollen Lebensansichten. Ich beschleunigte irgendwann wieder und wir trafen uns dann in der Herberge wieder. Singend lief ich Foncebadón entgegen und freudig schloss mich Carles in seine Arme. Sofort erkundigte er sich nach seinen Botschaften. Ich bedankte mich bei ihm für den tollen Tag und erzählte ihm von der Zeichnung. Inzwischen haben wir schon so viel Zeit zusammen verbracht, dass er auch diese Geschichte kannte und gratulierte mir zu diesem Schritt. 

Im Schlafraum traf ich all die tollen Menschen wieder. Hobin aus Korea, Andrea aus Ungarn, Davide aus Chile, Stefan aus Deutschland, Olivier aus der Schweiz, der Frabzose, die beiden Spanier und zwei neu dazugestossene aus Polen. Ein riesen Hallo und grosse Freude. 


Später redete ich über Facetime mit meiner Freundin Ramona und viele Pilger winkten in die Kamera. Alle freuten sich über mein Glück.


Das Nachtessen war wieder mal ein Traum und Carles und ich platzten, wie jeden Tag, fast aus allen Nähten danach. Und wieder nahmen wir uns vor, morgen nicht mehr so viel zu essen. Das wird wohl nicht klappen, aber morgen wird sowieso ein spezieller Tag.


Nachdem heute Andrea ihren Silent Day hatte, wird dies morgen Carles machen. Ich werde dann seine Stimme sein. Inzwischen kennen wir uns sehr gut und verstehen uns ohne grosse Worte, aber ich vermisse es jetzt schon, mit ihm am Abend rumzublödeln. Mit ihm ist es definitiv am lustigsten. Wir haben den gleichen Humor und können uns teilweise wortlos unterhalten. ABER NICHT EINEN GANZEN ABEND! ich bin gespannt.


Wenigstens kann ich morgen endlich wieder mit Andrea plaudern. Die armen Jungs. Schon heute sagten sie, dass es noch gemütlich sei, wenn nur eine von uns beiden Plaudertaschen redet. Morgen sei Schluss mit der Ruhe. Ob ich denn nicht auch einen Silent Day haben wolle. Nein, will ich nicht. Bisher hatte ich dieses Bedürfnis nicht, es wird wohl auch nicht kommen. 


Das grösste Bedürfnis ist mein Zuhause. Vielleicht finde ich morgen etwas Kraft beim Cruz de Ferro. Nein, ich bin sicher, die werde ich dort finden.


Erkenntnis des Tages:

Loslassen tut gut!